Der geduldige Weg aus der iranischen Sackgasse

Von CrisHam, 31. Mai 2026

 

 

Donald Trump ist im Irankrieg in eine Sackgasse geraten, weil sich historische Fehler wiederholt haben. https://www.frieden-freiheit-fairness.com/blog/tueckische-falle-iran und https://www.frieden-freiheit-fairness.com/blog/der-irankrieg-risiken-und-chancen Wie die große Mehrzahl westlicher Politiker hat er die Mentalität der Islamisten ignoriert und ebenso ihre Haupt-Strategie - die Provokation Israels und der USA. Die darauf erfolgenden westlichen Militärschläge bringen ihrer Zivilbevölkerung exakt das Leiden, das ihnen nach entsprechender Medienberichterstattung Wogen der Sympathie, Unterstützung und Ausbreitung ihrer Ideologie einträgt. Sie wollen Krieg - aber dem Westen die Schuld zuweisen. Die zivilen Opfer werden von den gewissenlosen Führern nachweislich bewusst in Kauf genommen.

Angesichts dieser Strategie war es vorhersehbar, dass die Verhandlungen mit dem Regime in Teheran nicht zu zufriedenstellenden Ergebnissen führen würden. Diese Situation lässt zwei Optionen offen:

Die erste besteht im sofortigen Regimewechsel. Dies ist der Wunsch der meisten Iraner – siehe 9-Punkte-Plan https://www.frieden-freiheit-fairness.com/blog/neun-punkte-plan-zur-realisierung-der-versprochenen-demokratie-im-iran-restauration-der

Grundlage der Option ist die freiheitsliebende Haltung der Bevölkerung. Dieses unschätzbare Gut ist sorgsam zu bewahren und zu fördern. Daher muss die oberste Regel in jedem Befreiungsprozess sein, Zivilisten und deren Eigentum nicht zu schädigen. Die Zerstörung von Infrastruktur und Wohnraum wäre höchst kontraproduktiv. Das haben bereits die katastrophalen Resultate der Kriege im Irak und in den Staaten des ‚Arabischen Frühlings‘ 2010/2011 deutlich gezeigt. Daraus Lehren zu ziehen ist Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Vorgehen im Iran.

Zum allergrößten Schaden Israels und kollateral des gesamten Westens hat die Netanyahu-Regierung exakt diesen Lernprozess versäumt und im Gaza-Krieg sowie in der aktuellen Auseinandersetzung mit der Hisbollah stattdessen die historischen Fehler wiederholt und gesteigert. Die militärisch sinnlosen Zerstörungen ziviler Bausubstanz in Anwendung der Dahiya-Doktrin und die dabei unvermeidbaren kollateralen Opfer treiben die weltweiten Sympathien für den jüdischen Staat in den Abgrund und die geschädigten Menschen in die Arme der Islamisten. Die umgehende Korrektur dieser selbstzerstörerischen Strategie ist essentiell für jede Dauerlösung im Nahen Osten.

Erst im Herbst 2026 dürften die Neuwahlen in Israel das Ende der Netanyahu-Regierung bringen – wahrscheinlich zu spät für ein konstruktives Vorgehen im Iran. Auch wegen dieser Unwägbarkeiten wäre der Abschluss eines nicht befriedigenden, aber Zeitgewinn eintragenden Vertrages mit dem Teheraner Regime und folgender amerikanischer Abzug der Kriegsflotte aus der Golfregion die beste Option. Dafür sprechen drei Gründe. Erstens würde selbst ein besseres Abkommen mit dem Regime kein nachhaltig friedliches Zusammenleben in der Region garantieren und auch nicht die internationale Ausbreitung von Islamismus und Terrorismus stoppen.

Zweitens kann der Zeitgewinn leicht dafür genutzt werden, die bereits sehr große iranische Opposition weiter zu stärken. Das bietet die historische Chance zu einer überfälligen Trendumkehr: George W. Bush hatte im Oktober 2001 ebenso töricht wie völkerrechtswidrig seinen "Krieg gegen den Terror" gestartet. Dessen grundfalscher, psychologische Grundregeln missachtender Ansatz hat das exakte Gegenteil der verkündeten Ziele hervorgebracht. Islamismus, Terrorismus und Antisemitismus befinden sich seither in beschleunigter Expansion. Terrororganisationen wie u.a. der IS sind entstanden, erhielten regen Zulauf und fanden Möglichkeiten, an amerikanische Waffen zu gelangen.

Die jetzige Lage im Iran bietet alle Voraussetzungen, diesen destruktiven Trend umzukehren, wobei der Bevölkerung eine Vorbildfunktion in der muslimischen Welt zufiele. Denn nach fast 100 Jahren Reformstillstand kann sie endlich einem entpolitisierten Islam zum Durchbruch verhelfen, der sich aus Staatsangelegenheiten heraushält und den Menschen individuelle Freiheiten zugesteht, die zu einem Leben in der modernen Zivilisation gehören. In den 1920er Jahren war es Mustapha Kemal, Kemal Atatürk, der die Kompatibilität zwischen der westlichen Zivilisation und der islamischen Welt entscheidend vorangebracht hat. Zum großen Schaden für beide Seiten ist das begonnene Werk inzwischen der Erosion ausgesetzt.

Im Iran hätte die Anwendung und Weiterführung des Reformwerks bereits 1979 anlaufen können. Doch der damals an die Macht gebrachte Ayatollah Khomeini hat die Iraner um ein zeitgemäß freiheitliches Gesellschaftsmodell betrogen. Was damals verbogen wurde, lässt sich heute mit ähnlichen Mitteln auch wieder zurückbiegen. Zu diesen Mitteln zählt Geduld, mit der in den kommenden Monaten oder Jahren zielstrebig auf eine weitgehend gewaltfreie Befreiung von der Islamistendiktatur hingearbeitet werden kann und sollte. 

Ein drittes Argument für eine geduldige, langfristige Lösung lautet, dass nicht nur Netanyahu, sondern auch Trump noch keine hinreichenden Lehren aus den kontraproduktiven westlichen Militäreinsätzen der letzten Jahrzehnte gezogen hat: Bevor der Sicherheitsapparat aus Militär und Geheimdiensten jemals wieder in umfangreichen Missionen eingesetzt werden kann, muss dieser unzuverlässige Staat im Staate gesäubert und unter effektive demokratische Kontrolle gebracht werden. Dies gilt insbesondere für den kontraproduktiven Einfluss des MIC, des militärisch-industriellen Komplexes, in welchem Personen versammelt sind, die vom Krieg profitieren, nicht von friedlichen Lösungen.

Eine Befreiung der Iraner nach dem Muster des o. g. 9-Punkte-Plans kann zu einem passenden späteren Zeitpunkt stattfinden. Das folgende „langfristige psychologische Programm“ dient dazu, geduldig und zielstrebig auf eine Umsetzung hinzuarbeiten.

 

DAS LANGFRISTIGE PSYCHOLOGISCHE PROGRAMM

1. Das Narrativ: Der Souveränitätsbetrug von 1979

Um die Theokratie schrittweise zu untergraben, ist es unerlässlich, ihren Gründungsmythos als betrügerisch und illegitim zu entlarven. Das Regime leitet seine Autorität von der Revolution von 1979 ab, die als heiliger Volksaufstand stilisiert wird. Die wahrheitsgemäße Gegenerzählung muss das Jahr 1979 systematisch umdeuten – nicht als heiliges Ereignis, sondern als raffiniertes verfassungsrechtliches Täuschungsmanöver.

• Die Erbsünde: Die Öffentlichkeit und die unteren Ränge des Militärs sind daran zu erinnern, dass den Millionen, die 1979 demonstrierten, die Freiheit versprochen wurde.

• Der Pseudo-Verfassungsputsch: Es muss hervorgehoben werden, wie die radikale Klerikerelite die säkularen und nationalistischen Revolutionäre systematisch ausmanövrierte und den Verfassungsentwurf so umschrieb, dass er das absolute Vetorecht des Obersten Führers (Velayat-e Faqih) einführte.

• Die Darstellung: Die Bewegung „stürzt den Staat“ nicht; sie setzt das ursprüngliche, unerfüllte Versprechen der iranischen Souveränität gegenüber einer ideologischen Besatzungselite durch. Ein historischer Irrweg wird korrigiert.

 

2. Der Einfluss der Medien: Der „BBC-Hinwendungspunkt“ und die historische Wiedergutmachung

Vor und während Khomeinis Machtübernahme 1979 fungierte der persische Dienst der BBC als sein Sprachrohr, indem er seine Reden und Tagespläne wortgetreu ausstrahlte und ihm so immense, unverdiente Legitimität verlieh.

• Moralischer Druck: Eine koordinierte diplomatische und PR-Kampagne iranischer Diaspora-Organisationen und westlicher Regierungen soll die BBC unter Druck setzen, ausführliche historische Rückblicke auf den Übergang von 1979 auszustrahlen. Andere öffentlich-rechtliche Sender wie Voice of America und Deutsche Welle können zur Teilnahme aufgefordert werden.

• Inhaltliche Neuausrichtung: Es geht nicht um die Sendung offener Gegenpropaganda (die die Glaubwürdigkeit untergräbt), sondern um unerbittliche, objektive Aufdeckung.

 

3. Vermeidung einer psychologischen Falle 

Um zu verhindern, dass sich das Regime in einem verzweifelten Überlebenskampf vereint, muss der Plan die „Goldene Brücke“ bis zum letzten Moment offenhalten. Die Architektur des Ausstiegs muss sichtbar, glaubwürdig und über Monate und Jahre hinweg konsequent kommuniziert werden.

• Entpolitisierung des Berufssoldaten: Das langfristige Narrativ muss ständig wiederholt werden: Das Berufsmilitär ist von der ideologischen Elite getrennt. Zur Rechenschaft gezogen wird ein sehr kleiner Kreis hochrangiger Menschenrechtsverletzer und korrupter Oligarchen.

• Deeskalationsleiter: Offiziere der mittleren Ebene müssen wissen, dass ihr problemloser Übertritt garantiert ist. Dies muss Jahre vor der Befreiung klar sein.

• Planbarer Übergang: Dieselbe Garantie gilt für Arbeitsplätze und Pensionen in der Verwaltung. So wirkt der Übergang nicht wie eine beängstigende, chaotische Säuberung, sondern wie eine unvermeidliche, professionelle Reorganisation, bei der die unteren und mittleren Ebenen des Staatsapparats ihre Loyalität einfach wieder dem Staat selbst zuwenden.